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Ein etwas anderer Reisebericht aus Südafrika
Natürlich widmen wir uns in erster Linie immer unseren eigenen Problemen, die uns täglich beschäftigen und unsere Kräfte in Anspruch nehmen. Aber wem geht es nicht so, daß immer wieder Nachrichten über Not und Elend ungeheueren Ausmaßes über uns hereinbrechen oder sich gebieterisch Gehör verschaffen? Und dabei bleibt doch zunächst nur Hilflosigkeit und Entsetzen und der Wunsch, irgendetwas tun zu können.
Dieses “Irgendetwas“ kam mir in den Sinn, als ich anläßlich der Mitgliederversammlung des Zentralkommitees der deutschen Katholiken (ZdK) Informationen über EDP bekam und gefragt wurde, ob ich an diesem Programm teilnehmen wolle.
EDP ist der seit vielen Jahren von der Deutschen Kommission Justitia et Pax und Werken der katholischen Kirche getragene Verein Exposure – Dialogprogramme. In diesem Rahmen werden Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft in viele Länder geschickt, um sich dort ganz konkret vor Ort der Realität der Armut und damit verbundener Probleme auszusetzen. Das Thema lautete
HIV/AIDS – Gesellschaftspolitische Herausforderung und christliche Verantwortung in Südafrika 2010,
die Initiative lag beim ZdK und, als dem Partner vor Ort, dem AIDS – Büro der Südafrkanischen Bischofskonferenz.
Südafrika hat weltweit die höchste Zahl an HIV – Infizierten, mehr als 5,5 Millionen der knapp 50 Millionen Südafrikaner sind direkt betroffen. Die Kirche hat hier eine tragende Rolle in Prävention, medizinischer und psychologischer Betreuung und gehört mit z.Zt. rund 19 000 behandelten Patienten zu den größten, nichtstaatlichen Anbietern einschlägiger (antiretroviraler, d.h. in einer Kombi-Therapie bestehender) Behandlungsmaßnahmen.
Das charakteristische Engagement des EDP – Programms ist das konkrete Mitleben mit den Betroffenen vor Ort, 24 Stunden und Tag um Tag. Ich sollte bald verstehen, was das ZdK mit der Zielformulierung meinte: ....“die Sprachfähigkeit von Christen in der Gesellschaft und der Kirche zu HIV/AIDS zu stärken“.
Am 30.Oktober flog ich mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Politik, Gewerkschaften, Pharmaindustrie und anderen Organisationen nach Johannesburg und wurde, mit einer anderen Teilnehmerin, dem Projekt “Inkanyezi“ (“Stern“), einer Einrichtung der Sisters of Mercy und der Missionaries of Afrika in Orange Farm, einer Township ca. 20 km südlich von Johannesburg, zugeteilt. Wir lebten in der Familie einer Mitarbeiterin des Projekts, die als “home-care-giving- person“ (Pflegedienst-Helferin) tätig war. Wir haben sie zu den Patienten in ihren Unterkünften begleitet, stundenlang und täglich durch die Slums von Orange Farm erlebten die Hilfeleistungen, stellten Fragen zum Stand der Erkrankung, zu Erwartungen und Hoffnungen, erschraken über die wachsende Zahl von Patienten mit offener Tuberkulose und wurden immer wieder mit der Armut konfrontiert, die den Nährboden für so vieles darstellt. Es sind nicht nur Aids und TB allein, hierzu gehören auch Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Antriebsmangel, Perspektivlosigkeit und Kriminalität.
Man muss gut zu Fuß sein auf diesen langen staubigen Straßen ohne Müllabfuhr, wo die Ziegen aus den vom Wind herumgetriebenen Plastiksäcken noch Freßbares zu finden hoffen.
Nicht alle Menschen hier können sich aufraffen, einen kleinen Garten zu betreiben, man lernt, sich über jedes Zeichen von Eigeninitiative zu freuen.
Wir haben gegessen, was alle hatten, lernten, mit den sanitären und hygienischen Gegebenheiten zu leben und die Tageshitze (bis zu 37°C) und die starke nächtliche Abkühlung zu ertragen.
Fassungslos über das dichte Geflecht von Armut, Krankheit und Perspektivlosigkeit in jeder Form ist man eigentlich nur relativ kurz. Doch dann erkennt man, dass durchaus etwas getan wird und wo die Ansätze sind: mir fiel die große Anzahl starker Frauen auf, Mütter und Großmütter, jede an ihrem Platz trug mit einfachsten Mitteln zum Unterhalt und Zusammenhalt der Familie bei, mit viel Energie, Selbstbewußtsein und auch Stolz.
Wie zum Beispiel aus meinem unmittelbar erlebten Umfeld Elisabeth, 32 Jahre alt und seit 20 Jahren HIV-Positiv, 3 Kinder, eine Tochter von 18 Jahren(negativ getestet) eine Tochter 13 Jahre (HIV positiv) und einen kleinen Sohn von 11 Monaten (negativ getestet). Ohne Mann, der sich irgendwann davongemacht hat, ohne irgendeine finanzielle Unterstützung. In ihrer kleinen Küche fertigt Elisabeth Ohringe und Hauben an, die sie an der nächsten Straßenecke zu verkaufen versucht, um so ihre Familie zu ernähren. Ein Schulgeld ist dann natürlich nicht bezahlbar. Einmal im Monat geht sie zum Inkanyezi- Behandlungszentrum, um sich untersuchen zu lassen und ihre Medikamente abzuholen. Wichtig ist dabei für sie auch, dort im Zentrum mit anderen Patienten zusammen zu kommen, über Krankheit und Schicksal offen zu sprechen, denn Menschen mit AIDS werden von der Nachbarschaft und vielen Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen, stigmatisiert.
Von der offenen Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft dieser Menschen und der Familien untereinander kann man einfach nicht unbeeindruckt bleiben und empfindet einen tiefen Respekt vor diesen Leistungen, die insbesondere die Schwestern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zentren aber auch viele der einheimischen Ärzte erbringen.
Die Regierung hat ein Siedlungsprogramm aufgelegt mit kleinen gemauerten Häusern, Elektrizität und Kanalisation. Doch die Mittel dafür scheinen sehr begrenzt zu sein.
Als Gruppe aus Deutschland sind wir überall aufgeschlossen und mit offenen Armen empfangen worden.
Ergänzt und abgerundet wurde dies EDP-Programm durch hervorragende Begleitveranstaltungen und Workshops.
Unvollständig wäre die Zusammenfassung des Erlebten ohne auf die außerordentlich wichtig Rolle der Kirchen in Südafrika hinzuweisen.
Vereinfacht möchte ich sagen, ohne die christlichen Kirchen läuft dort in Südafrika NICHTS.
Autorin: Elke Beate Peters
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