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Katholische Akademikerarbeit – quo vadis?
Anmerkungen aus kirchlicher Perspektive (1)

Es gibt „… eine ganze Anzahl katholischer Akademiker­organisationen…, die sich zwar in erster Linie als christlich geprägte Bil­dungs- und Lebensgemeinschaften verstehen, aber auch eine gewisse pa­storale Wirkung im akademischen Raum entfalten. Die Altherrenschaften der traditionellen Korporationsverbände sind wichtige An­sprechpartner. Sie haben freilich Nachwuchssorgen, erfüllen aber mit ihren Zirkeln und mit ihren publizistischen Organen eine wichtige Auf­gabe. […] Neben ihnen bestehen die neustudentischen Gemeinschaften. Auch für sie gilt freilich, dass ihnen große Breitenwirkung bisher versagt blieb. […]. Zur Unterstützung der Initiativen der einzelnen Verbände und zur Koordi­nierung ihrer Maßnahmen bestehen für den akademischen Bereich auch überverbandliche Strukturen. […] Der Neuansatz in der Akademikerarbeit, der mit der Dachorganisation angestrebt wird, zeigt jedoch bislang begrenzte Wir­kungen, weil die Mitgliedsgemeinschaften auf ihre eigene Selbstständigkeit bedacht sind.“ (2)
Manche Stichworte des Eingangszitats erscheinen brandaktuell, obgleich sie vor zweiundzwanzig Jahren zu Papier gebracht wurden: Es handelt sich um ein Arbeitspapier der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1988. Was hat sich in diesen mehr als zwei Jahrzehnten getan und wohin geht die weitere Entwicklung? Katholische Akademikerarbeit – quo vadis? Dieser Leitfrage widmen sich die nachstehenden Ausführungen. Sie verstehen sich mit Sokrates nicht als gebrauchsfertiges Patentrezept, sondern „mäeutisch“, d. h. nach Art und Weise einer Hebamme, die das Kind ja nicht selbst gebiert, sondern dabei nur assistiert.
„Akademiker“ – kaum eine Begriffskonnotation hat sich im letzten halben Jahrhundert mehr gewandelt: Das vollautomatische Katapult von der Universität in den höheren Dienst oder vergleichbare Besoldungsgruppen gibt es nicht mehr. Die einstmals genuine Querverbindung zwischen akademischem Milieu und Führungsschicht löst sich ebenso auf wie die ehemalige Deckungsgleichheit von Akademikerschaft und Intellektualität. Laut einer aktuellen Studie bilden prekär beschäftigte Universitätsabgänger heute die drittgrößte Gruppe unter den Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss. Die Arbeitsmarktsituation hat sich im Zuge der Wirtschaftskrise für Akademiker stark verschlechtert. Immer mehr Hochqualifizierte leben von Hartz IV. „Akademisches Milieu in Deutschland“ – das bedeutet heute vielfach drohenden Sozialabstieg, Ökonomisierungsdruck und Vermassungstendenz. Die akademische Spitzenelite hingegen wandert oft ins Ausland ab. Jungakademiker mit 50- bis 60-Stunden-Arbeitswoche haben heute immer weniger Freizeit, um sich außerberuflich zu engagieren. Zudem greift bei Jungakademikern eine gewisse Vorliebe für kurztaktige, episodenhafte, passagere Freizeitgestaltung um sich, d. h. die jahrzehntelange Bindung an einen Verein oder Verband scheint zunehmend aus der Mode zu kommen. 
Natürlich betrifft diese Gesamtentwicklung auch die Akademiker-Verbandsarbeit im Allgemeinen wie die katholische Akademikerarbeit im Speziellen. Manch einer ist von der Entwicklung unangenehm überrascht, obgleich sie sich – alles andere als überraschend – schon seit Jahrzehnten anbahnte. In dem eingangs zitierten Arbeitspapier der Deutschen Bischofskonferenz heißt es schon 1988 (!): „Zwanzig bis dreißig Prozent eines Geburtsjahrgangs werden künftig ein Hochschulstudium durchlaufen. Diese Entwicklung hat auch den katholischen Bevölkerungsanteil ergriffen. […] Verschwunden ist das akademische Standesbewusstsein, der ausgeprägte Führungsanspruch, das gemeinsame Ethos, das sich in der Überzeugung einer besonderen Verantwortung für Staat, Gesell­schaft und Kirche ausdrückte. Nicht nur die gesellschaftliche Stellung des Akademikers hat sich gewandelt, sondern auch sein typologisches Gepräge. Akademiker ist Sammelname ge­worden für eine Personengruppe, die durch die berufsbefähigende Qualifika­tion eines akademischen Abschlusses gekennzeichnet ist. Der Begriff des Akademikers deckt sich insofern nicht mehr ohne weiteres mit dem Begriff des Gebildeten oder des Intellektuellen oder des Kulturträgers. […] Auch im kirchlichen Bereich ist Akademiker zunächst nur ein Sammelname für ein variantenreiches Spektrum. Wie bei anderen Personengruppen gibt es hier alle denkbaren Formen kirchlicher Bindung und religiöser Praxis. Der religiös Engagierte und kirchlich Gebundene ist hier ebenso anzutreffen wie derjenige, der sich der Kirche weitgehend entfremdet hat.“ (3)
Die Diagnose und Prognose der Bischöfe verhallte trotz ihrer Brisanz weitgehend ungehört. Vielleicht auch deshalb, weil mitunter die nostalgische Fatamorgana einer guten alten Blütezeit des katholischen Akademikermilieus den Blick auf unbequeme Realitäten verschleierte. In der Tat: Als es noch ein konsistentes, intaktes katholisches Milieu gab, war das Ziel katholischer Akademikerarbeit ebenso konkret wie pragmatisch. Sie wollte ihre Adressaten dazu befähigen, in der säkularen Gesellschaft die Interessen des Katholizismus und der Kirche als Institution wie als Trägerin einer allgemeinverbindlichen, weil naturrechtlich abgesicherten Botschaft zu vertreten. Intellektuell begabte Katholiken sollten an sich selbst besonders hohe Anforderungen stellen, um besonders gut die Kirchengebote zu erfüllen und für deren Durchsetzung in der Gesellschaft besonders wirkungsvoll von besonders einflussreichen Positionen aus wirken zu können. Dahinter stand ein an der „sozialen Elite“ orientiertes Konzept. Oberstes Ziel war die Formung von Netzwerken der Wissens- und Machteliten, um hieraus Multiplikatoren eigener Interessen zu rekrutieren. Es ist klar, dass diese Rechnung mit dem postmodernen Auseinanderbrechen der traditionalen sozialen Reservaträume und dem Ende des versäulten Katholizismus nicht mehr aufgeht. Was aber bedeutet katholische Akademikerarbeit im 21. Jahrhundert?
Eines steht fest: Die beiden Schlachtrufe aktionistischer Bildungspolitiker – nämlich „Exzellenz“ und „neue Eliten“ – können nicht eins zu eins auf den katholischen Akademikerbereich angewandt werden. Zwar ist grundsätzlich gegen Exzellenz und Elite nichts einzuwenden, aber leider sind auf Knopfdruck produzierte und binnenständisch generierte Eliten oft nur die Reproduktion ihrer Produzenten, was zu einem Verlust an Originalität, Diversität und Innovation führt. Ohne der notwendig kompetitiven Organisation akademischer Prozesse und Handlungsfelder grundsätzlich wehren zu wollen, ist aus christlicher Sicht die zunehmend sozial-darwinistische Konnotation von „Elite“ kritisch anzufragen: „Die christlichen Eliten – das kann nicht automatisch ein ‚Stand‛ in der Kirche sein, sondern das sind jene, die sich, unabhängig von ihrem ‚Stand‛ in der Kirche, dadurch auszeichnen, daß sie, im Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu Kirche und Gesellschaft, Sensibilität für die sozialen Realitäten mitbringen, daß sie fähig sind, diese Realitäten als Herausforderungen zu sehen, d. h. über den Schwierigkeiten, die sie offenbaren, nicht den Aspekt der Chance zu vergessen, der in ihnen immer auch verborgen ist, und daß sie den Mut haben, ihre eigene Vision von der Zukunft der Gesellschaft in das Gespräch mit anderen Gruppen dieser Gesellschaft einzubringen“ (4), so sagt es Dietmar Bader, ehemaliger Leiter der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk.
Katholische Akademikerarbeit ist also nicht in erster Linie Sprungbrett zu gesellschaftlicher Macht und Einflussnahme. Sondern sie befähigt dazu, christliche Identität im Sinne Karl Mannheims „frei schwebend“, aber entschieden zu behaupten. Dieses freie Schweben ist nicht zu verwechseln mit Fundamental-Skeptizismus, der konstruktive Vorschläge stets schuldig bleibt – das wäre die Depravation von akademischem Wesen, vor deren Versuchung freilich niemand, auch der Katholik nicht, ganz gefeit ist. Das freie Schweben des katholischen Akademikers bedeutet vielmehr eine geistige Autonomie, die sich jeder sozialen und politischen Heteronomie widersetzt. Katholisches akademisches Ethos, das bedeutet: Entmythologisierung wahnhafter innerweltlicher Verheißungen und Eintreten für christliche Humanität inmitten einer erlösungsbedürftigen Welt christliche Humanität, insofern diese nämlich nicht anthropozentrisch, sondern theozentrisch begründet ist, mithin auf einer Vorstellung der menschlichen Person basiert, die stets offen ist für die Transzendenz. Der katholische Akademiker ist in gewisser Weise heimatlos, insofern er sich immer gegürtet und mit dem Wanderstab bereit hält für den geistigen Exodus, dort, wo er nötig ist. Die Wüste darf freilich nicht Endziel, sondern nur Transit-Strecke dieses Exodus sein. Der katholische Akademiker bezieht Position, wird aber nicht geistig sesshaft. Er vergisst – um mit Goethe zu sprechen – das alte Fundament nicht, nimmt sich aber auch das Recht, von Neuem zu gründen. So ist er immer unterwegs. Wer ein solches akademisches Ethos aus katholischer Intellektualität heraus lebt, dem wird es gelingen, frei zu schweben über den Fallgruben der Monismen und Relativismen unserer Epoche. Die Identifizierung und stets neue Vergewisserung dieser gemeinsamen Grundausrichtung und die Moderation aller darauf abzielender Aktivitäten – das ist die Aufgabe der katholischen Akademikerarbeit im 21. Jahrhundert!
Katholische Akademikerarbeit muss letztlich immer religiöse Akademikerarbeit sein, auch dort, wo sie nicht explizit theologische Fragen behandelt. Denn ganz gleich, welche Angebote sie im Einzelnen leistet, steht sie in einem doppelten Dienst: im Dienst an der Kultur und im Dienst an der Kirche mit der verbindenden Klammer des Dienstes am Menschen. Ohne eifernde Vereinnahmung, aber auch ohne konturlose Leisetreterei soll sie daher den Rückgewinn einer auf dem christlichen Weltbild basierenden Verständigungsfähigkeit erreichen. Katholische Akademikerarbeit muss ihr Epitheton „katholisch“ plausibel machen. Wenn sich jemand unter einer großen Zahl von akademischen Verbindungen und Korporationen gerade einer katholischen Organisation zuwendet, dann erwartet er dort explizit oder implizit einen Kontrapunkt zu den Sinn-Surrogaten seines säkularen Umfeldes. Er erwartet ein Setting, in dem er sein Orientierungsbedürfnis angesichts der ihn bedrängenden lebensgestalterischen Fragen des Alltags kritisch und fordernd mit diskursiver Reibungswärme vorbringen darf. Er erwartet zunächst nicht eine fertige Antwort. Sondern er ist in der Regel zufrieden, wenn die großen Themen des christlichen Glaubens so re-formuliert werden, dass sie an seine Lebensfragen anschlussfähig sind: Inwieweit hilft mir das christliche Weltbild beispielsweise in den ethischen Konflikten, die Technologien wie pränatale Diagnostik oder die Gen-Technik erzeugen? Inwieweit hilft mir der Glaube, die Polarität zwischen globalisierter, sich stetig beschleunigender Lebensgestaltung und innerer Sehnsucht nach Beharrung und Beheimatung konstruktiv zu leben? Inwieweit hilft mir ein christliches akademisches Ethos, mit studentischen oder beruflichen Problemen umzugehen? Hierüber möchte sich ein Mitglied katholischer Studenten- und Akademikerschaften mit Gleichgesinnten innerhalb und außerhalb austauschen. Insofern darf und soll sich die katholische Akademikerarbeit mit allen ihren Verbänden als „Experimental-Labor zukunftsfähigen Christentums“ (Rudolf Englert) betätigen. Das Akademiker-Apostolat bleibt weiterhin ihre Hauptaufgabe.
Freilich stellt sich heute nicht nur die Aufgabe, christliche Identität in einer nichtchristlich säkularen, pluralen Gesellschaft herzustellen, sondern sie auch in den eigenen Reihen neu zu vergewissern. Bei aller Wichtigkeit des Welt-Dialogs findet katholische Akademikerarbeit eine große Herausforderung im katholischen Binnenraum: Auch bei sogenannten praktizierenden Christen ist ein zunehmendes Defizit an Glaubenswissen auszumachen. Auf der einen Seite vollzieht sich dort eine Auflösung des depositum fidei in einen postsäkularen Synkretismus hinein, auf der anderen Seite gibt es ein starres Festhalten an tradierten Formeln, die beziehungslos neben der Erfahrungswelt heutiger Menschen stehen. Somit gilt der akademische Grundsatz lebenslangen Lernens in besonderer Weise für den Glauben. Glaubensprozesse sind immer Bildungsprozesse. Der Glaube eines Menschen bleibt nur dann auf der Höhe seiner personalen Entwicklung, wenn es gelingt, ihn auf die wechselnden biographischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu beziehen. Daher gehören Exerzitien, geistliche Begleitungen, katechetische Angebote, theologische Seminare und Liturgien nach wie zum Kernbereich katholischer Akademikerarbeit.

Katholische Akademikerarbeit hat sich im 21. Jahrhundert von einem kategorialen Angebot zu einer Querschnittsaufgabe gewandelt. Sie geschieht heute nicht mehr ausschließlich in den traditionellen katholischen Studenten- und Akademikerverbänden und katholischen Hochschulgemeinden, sondern zunehmend auch in der City-Pastoral, in den Alumni-Programmen der katholischen Begabtenförderwerke, in den Akademikerforen der Orden wie z. B. der Jesuiten, in offenen Akademikertreffs und Roundtables katholischer Kulturstiftungen wie etwa der Guardini-Stiftung, in zielgruppenorientierten Formaten der kirchlichen Familienbildung, in etlichen Angeboten der Movimenti (Neue Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen) und vor allem in den Diözesanbildungswerken und katholischen Akademien. Vor allem Letztere sind zu wichtigen Moderatoren der berufsständischen katholischen Akademikerarbeit geworden: So ist etwa das Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen als weithin anerkanntes Kompetenzzentrum für Medizinethik eine hochfrequentierte Plattform christlicher Ärzte und Verantwortlicher in Pflegeberufen geworden. In Frankfurt am Main widmet sich das „Haus am Dom“ der Diözese Limburg dem Diskurs von Recht und Ethik und wird als Treffpunkt von Juristen sehr geschätzt. Weitere Beispiele ließen sich nennen. Folglich ist katholische Akademikerarbeit mitnichten ein Auslaufmodell. Ganz im Gegenteil: Der „Markt“ brummt und Konkurrenz belebt ihn. Für alle Akteure auf diesem Feld gilt: Wer stehen bleibt, wird überholt und bleibt auf der Strecke.

Katholische Akademikerarbeit – quo vadis? Der Verfasser würde sich freuen, mit seinem schriftlichen Impuls zum Weiterdenken und zur Diskussion anstacheln zu können.

 

Jakob Johannes Koch, Dr. theol., geb. 1969, seit 2000 Kulturreferent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn, zahlreiche Publikationen zu Kunst, Kultur und Bildung.

Impulsreferat gehalten anlässlich der Mitgliederversammlung der Katholischen Akademikerarbeit Deutschlands (KAD) am 13.11.2010 in Bonn.

Der BkdA ist Mitglieder der KAD. Die Vorsitzende des BkdA ist Vizepräsidentin und Schatzmeisterin der KAD.    

(1) Impulsreferat bei der Mitgliederversammlung der Katholischen Akademikerarbeit Deutschlands (KAD) am 13. November 2010 in Bonn.

(2) Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz, Zu Inhalt und Struktur der Akademikerpastoral. Ein Arbeitspapier. Verabschiedet am 20.01.1988, in: Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Anregungen zur Akademikerpastoral, Bonn 1995, S. 13 f.
(3) Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz, Zu Inhalt und Struktur der Akademikerpastoral. Ein Arbeitspapier. Verabschiedet am 20.01.1988, in: Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Anregungen zur Akademikerpastoral, Bonn 1995, S. 9 f.
(4) Bader, Dietmar, Die Aufgabe der Eliten innerhalb der Verantwortung aller für die Zukunft ihrer Gesellschaft, in: Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk (Hg.), Welche Eliten für welche Gesellschaft? Dokumentation des Jahrestreffens 1998 (Schriften des Cusanuswerks Bd. 11), Bonn 1999, S. 29.

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